HAMBURGER MENETEKEL

Wandzeitung


"The words of the prophets are written on the subway walls" - Der singer/Songwriter paul simon als erster graffiti-deuter

Quelle: Wikimedia CCO
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Bei der Frage, wer zuerst auf die Bedeutung von Graffiti als Menetekel hingewiesen hat, wird in der Regel der Künstler und Kunsttheoretiker Bazon Brock mit seinem 2002 erschienen Artikel Graffiti als Menetekel genannt (siehe unten). Weniger bekannt ist die Tatsache, dass Brock seinerseits diese Idee dem amerikanischen Singer/Songwriter Paul Simon verdankt: Auf der 1964 gemeinsam mit Art Garfunkel aufgenommenen, erfolglosen LP Wednesday Morning, 3 p.m. findet sich der später zum Welthit avancierende Song Sound of Silence, in dem Simon die Vision einer technisierten und gleichzeitig offenbar kommunikationsgestörten Zukunft entwirft. “And the people bowed and prayed/To the neon god they made/ And the sign flashed out its warning/ In the words that it was forming/And the sign said, "The words of the prophets are written on the subway walls/ And tenement halls" heißt es in der entsprechenden Strophe des Songs. Simon sieht seine Rolle als Deuter des Menetekels Anfang der 60er Jahre noch eindeutig pessimistisch, seine Botschaft dringt nicht zu den verblendeten Massen durch: „My words, like silent raindrops fell/ And echoed/ In the sound of silence.“ Erst viel später, etwa um 1968 herum, und genau das dokumentiert auch die Erfolgsgeschichte seines Songs, kann er die gesellschaftlichen Möglichkeiten der Graffiti-Deutung positiver einschätzen.

 

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DER künstler und kunsttheoretiker Bazon brock über graffiti als menetekel

Quelle: wikimedia CCO
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„Was uns die Sprayer mit ihren Menetekeln sagen wollen, ist: Ergreift die Flucht! Es geht nicht um den Schrecken allein, sondern um das Initiieren einer Bewegung, weg: in Richtung des Fluchtpunkts der Geschichte.“

„Reden wir so über Graffiti, gehen wir weit über die Erörterungen hinaus, die etwa Cohn-Bendit führt, wenn er sagt, den Kids müßte doch erlaubt sein, sich die Stadt anzueignen, wie sie wollen. Er versteht das Sprayen damit als eine Art Jugendstreich, aus Lust die Wände zu beschmieren. Das ist ebenso kurz gefasst wie der Rückverweis auf alte zivilisatorische Anstrengungen, wie sie im Streit zwischen Dürr und Elias thematisiert werden: Bei Graffiti geht es um mehr als das Durchbrechen alter Tischzuchten, um mehr als um den Verstoß gegen normative Verhaltensvorschriften für Menschen in Gesellschaft.“

„Die Graffiti leiten – ähnlich wie das Haupt der Medusa – eine Abwendung erzwingende Bewegung zur Flucht ein.“

„Wer in der aktuellen Lebensgegenwart keinen Anlass zum Fliehen hat, braucht die Geschichte nicht. Und wer einer schreckenerregenden, furchterregenden Unbekanntheit begegnet, die Quelle der Furcht aber nicht zerstören oder verdrängen will, dem bleibt gar nichts anderes als die Flucht zum Bekannten. Das ist schließlich das Fruchtbarste, was jede Art von Avantgarde-Tätigkeit erreichen kann. Die Graffiti-Artikulationen sind eine Avantgarde des sozialen Verhaltens. Sie sind unzugänglich, unbekannt etc., und wir ergreifen vor ihnen aus einleuchtenden Gründen den Weg zurück zu dem, was uns bekannt erscheint.“                               

 

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Umweltökonomin Claudia Kemfert im interview


Wie groß muss die kritische masse "offener menschen" sein, um gesellschaft zu verändern?

Quelle: wikimedia CC0
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„5%. Soziale Bewegungen gehen immer von Minderheiten aus. Die Gesellschaft ist bewusstseinsmäßig so aufgeteilt, dass 5-10% ein Avantgarde-Denken haben, weitere 5–10% sind extrem konservativ und die restlichen 80% interessieren sich einen Scheiß für irgendwas und machen alles mit. Also ist ein Lebensstilwandel, der von 5% auf die Wege gebracht wird, effektiv.“

 

Zum Interview mit Harald Welzer


zukunftsschau: quatsch oder wissenschaft

Quelle: wikimedia CC0
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In seinem Buch Die Wahrsagekunst im Alten Orient stellt der Assyriologe Stefan M. Maul die Frage, wie politische Entscheidungen, die von der obskuren Kunst der Eingeweideschau abhingen, über Jahrtausende hinweg stabile Verhältnisse bewirkten. Er weist auf die methodische Ähnlichkeit altorientalischer Zeichendeutung und Versuche moderner wirtschaftswissenschaftlicher Zukunfts-bestimmung hin: Hyperkomplexe Systeme und extrem deutungsoffene Ergebnisse. Die Nähe zur Graffitologie ist evident. 

 

„Es drängt sich die Frage auf, wie es denn sein konnte, dass nicht nur Privatleute, sondern auch die machtbewussten Herrscher und hartgesottenen Generäle ihre Entscheidungen von dem Urteil der Wahrsager abhängig machten, deren Kunst doch – zumindest aus dem Blickwinkel unseres eigenen Weltbildes – als obsolet bezeichnet werden muss. Umso beunruhigender erweist sich da die nicht von der Hand zu weisende Erkenntnis, dass die auf den Schultern von Zeichendeutern liegende Politikberatung keineswegs Chaos und Niedergang begünstigte. Vielmehr konnten die von Wahrsagern geprägten Formen der politischen Entscheidungsfindung über Jahrtausende hinweg stabile Verhältnisse bewirken…“  

 

Stefan M. Maul, „Die Wahrsagekunst im Alten Orient“